Der letzte heilige Abend

03.01.2013
, Westdeutsche Zeitung

Von Ann-Katrin Roscheck
Vor ihrem Tod wollen die Bewohner im Hospiz das Fest besonders intensiv erleben.

Der Duft von frischgebackenen Plätzchen liegt in der Luft, das Treppengeländer ist mit bunten Kugeln geschmückt und aus irgendeinem Raum ertönt ganz leise Weihnachtsmusik. „Bei uns kann man Weihnachten riechen, hören und sehen,“ erzählt Brigitte Schwarz.
Mitarbeiter wollen auf diese Erfahrung nicht verzichten.
Und da hat sie Recht: Im Krefelder Hospiz am Blumenplatz ist die Stimmung alles andere als bedrückt. Jedes Jahr wird hier Heiligabend genauso gefeiert wie in anderen Familie – und eben doch ganz anders. „Die Menschen, die hier sind, sind alle schwerkrank. Allen ist bewusst, dass es für sie das letzte Weihnachtsfest ist und das möchten sie oft ganz intensiv erleben“, sagt Leiterin Schwarz. Auch Rita Rosenstein und Nicole Schrader arbeiten jedes Jahr an Weihnachten am Blumenplatz.
Auf diese Erfahrung zu verzichten, kommt für Schrader nicht mehr in Frage. „Wir erleben über das Jahr so viel gemeinsam, wir lernen so viele Menschen kennen und verabschieden uns auch von so vielen. Weihnachten ist der Zeitpunkt an dem wir das Revue passieren lassen.“
In jedem Jahr gibt es ein Buffet für alle Gäste und Angehörige und einen anschließenden Weihnachtsgottesdienst in der hauseigenen Kapelle.
Zu diesem Gottesdienst kommen auch viele, deren Angehörige vor einiger Zeit im Hospiz gestorben sind. „Es ist schön, die Angehörigen wiederzusehen. In einem Hospiz hat man eine ganz besondere Bindung zu den Menschen,“ erklärt Schrader.

Die Gäste, die nicht hinunter in die Kapelle kommen können, weil sie zu schwach sind, sehen den Gottesdienst aus ihrem Krankenbett, denn über eine Kamera wird die Messe in jedes Zimmer übertragen.
Nach dem Gottesdienst können sich die Familien zurückziehen und ihr eigenes kleines Weihnachtsfest feiern. Wer will, darf in der Küche Kekse backen oder etwas kochen. Mitarbeiterin Rita Rosenstein kommt für diesen Abend extra zum Blumenplatz, auch wenn sie keinen Dienst hat. „Danach ist der Bauch und das Herz so voll von Gefühlen. Wenn wir uns abends verabschieden, dann brauche ich erst einmal ein bisschen Zeit für mich.“
Wenn Rosenstein zum Himmel schaut und die Schneeflocken sieht, dann wird sie wehmütig. „Ich lasse das auf mich wirken und versuche, das sehr gründlich aufzunehmen. Für mich ist das ein ganz eigenes Lebensgefühl.“ Und wenn das letzte Fest der Liebe am Blumenplatz zu Ende geht, dann ist da noch viel mehr zu spüren als nur reine Traurigkeit: Eine tiefe Intensivität und Zufriedenheit.

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