Wenn der Tod ins Leben tritt

17.07.2008
, Westdeutsche Zeitung

Der 35-jährige Alexander Schmitt ist an einem Hirntumor verstorben. Seine Ehefrau spricht über den Abschied und ihr Leben danach.

Krefeld. Es ist das Leben, um das sich die Arbeitswelt von Sabine Schmitt dreht. Die 33-Jährige ist Hebamme. Es ist der Tod, mit dem sie sich seit fünf Jahren auseinander setzen muss. Ihr Mann Alexander ist im Frühjahr 2008 im Krefelder Hospiz gestorben, mit 35 Jahren, an einem Hirntumor. Wie geht eine Familie damit um, wenn das Thema Tod so plötzlich in ihr Leben einbricht?

„Wir haben es nicht ausgeklammert, sind offensiv damit umgegangen“, sagt Sabine Schmitt. Es dürfe aber auch nicht das Leben bestimmen. Die Diagnose Hirntumor erhielt Alexander Schmitt bereits im November 2003. Da überwog noch die Hoffnung. „Im August 2006 hat er gespürt, dass er den Kampf verlieren würde“, berichtet Sabine Schmitt. Ganz bewusst habe er da Testament und Patientenverfügung verfasst, sich schon entschieden, die letzten Tage im Hospiz zu verbringen. „Nicht nur für sich selbst, sondern auch für mich und unseren Sohn.“

Eine gute Entscheidung, wie Sabine Schmitt rückblickend sagen kann. Auch jetzt, Monate später, sucht sie immer wieder den Kontakt. „Mir tut es immer gut, wenn ich hier bin.“ Drei Wochen haben die Haupt- und Ehrenamtlichen vom Blumenplatz die Familie Schmitt begleitet.

Da muss nicht viel erklärt werden. Nicht nur, weil das Schicksal der Familie bekannt ist. Der Tod gehört im Hospiz ganz selbstverständlich zum Leben dazu. „Es ist eine andere Welt. Wir gehen tagtäglich damit um“, erklärt Leiterin Brigitte Schwarz.
Im Hospiz wird Geburtstag gefeiert, während nebenan jemand stirbt

Eine andere, aber doch überraschend normale Welt. Hier wird geweint, aber auch gelacht, hier werden Geburtstage gefeiert, und nebenan stirbt jemand. Dass immer einer Hilfestellung geben kann, in medizinischen wie auch persönlichen Fragen, hat Sabine Schmitt ebenso geholfen. So habe ihr Mann zum Schluss nichts mehr essen wollen. „Als Angehöriger fragt man sich, soll ich ihm nicht wenigstens etwas zu trinken geben? Ich kann ihn doch nicht verdursten lassen."
Die Schwestern konnten sie zum einen in medizinischer Hinsicht beruhigen. Flüssigkeitsabgabe sei in der Sterbephase nicht unbedingt nötig. Zum anderen ganz persönlich: „Glauben Sie, dass er das will?“ Nein – so selbstbestimmt Alexander Schmitt mit seiner Krankheit umgegangen sei, so selbstbestimmt habe er auch seinem Tod entgegen gesehen, sagt seine Frau.

Er habe einfach gespürt, dass es zu Ende gehe. So wie der kleine Julius. „Dreimal habe ich ihn gefragt, ob er mitkommen möchte. Erst am Vorabend des Todes hat er ,Ja’ gesagt“, erinnert sich Sabine Schmitt. Auch dem Dreijährigen hat das Ehepaar nicht verschwiegen, wie es um den Vater steht.
Selbst dem dreijährigen Sohn haben die Eltern nichts verschwiegen

Ein Kinderbuch habe dabei geholfen, über ein Kind mit Hirntumor, der kleine Wicht. „Papa ist gestorben. Er hat ja einen kleinen Wicht im Kopf gehabt“, zitiert Schmitt ihren Sohn und lächelt. „Mein Motivationskind“ habe auch ihr Mann über Julius gesagt. Ganz gezielt hat er seine letzten Jahre auf die kleine Familie zugeschnitten, hat Elternzeit genommen, später Arbeitsstunden reduziert und ist zuletzt ganz zu Hause geblieben. Konzentration auf das Leben im Angesicht des Todes.

Eine Zeit, die Sabine Schmitt nun bei der Bewältigung des Schicksals helfen kann. Ebenso wie die Freunde, die sich nicht zurückgezogen haben, sondern einfühlsam für die Familie da waren und sind. „Das ist toll“, lobt Brigitte Schwarz. Es sei auch danach sehr wichtig, über die Trauer sprechen zu können.

Das würde Sabine Schmitt auch gerne im Rahmen einer Trauergruppe, doch das bestehende Krefelder Angebot nähmen hauptsächlich ältere Menschen wahr, hat sie erfahren. Vielleicht gründe sie ja selber eine. Das Hospiz will ab Januar eine anbieten. Noch ist die Trauer für Sabine Schmitt sehr nah. „Ich hoffe dahin zu kommen, dass das Leben wieder andere Dimensionen bekommt“, sagt sie fest.

von Martina Nickel

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